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Die etwas andere Geschichte der Wissenschaft

1959 Der dreifache Christus

Das unmögliche Treffen fand am 1. Juli 1959 in der ­Abteilung D-23 der staatlichen psychiatrischen Klinik in Ypsilanti in der Nähe von Detroit statt. Die drei Männer, die der Psychologe Milton Rokeach in einem kleinen, schmucklosen Besuchszimmer zusammenbrachte, stellten sich einer nach dem anderen vor. Zuerst ein Achtundfünfzigjähriger mit Glatze und Zahnlücken.

»Ich heiße Joseph Cassel. Ich bin Gott.«

Dann ein Siebzigjähriger, dessen Gemurmel schwer zu verstehen war.

»Ich heiße Clyde Benson. Ich wurde Gott.«

Zuletzt ein Achtunddreißigjähriger mit asketischem Körper und ernstem Gesicht, der sich weigerte, seinen wirklichen Namen, Leon Gabor, zu nennen.

»In meiner Geburtsurkunde steht, dass ich der wiedergeborene Jesus Christus von Nazareth bin.«

Das war die Ausgangslage für eines der bizarrsten Experimente in der Geschichte der Psychiatrie. Was geschieht mit Menschen, die mit dem äußersten vorstellbaren Widerspruch konfrontiert werden: mit einem anderen Menschen, der behauptet, dieselbe Identität zu haben? Wie würden die drei Männer darauf reagieren, dass es plötzlich mehr als einen Jesus gab? (Gott und Jesus war für die Männer dasselbe.)

Milton Rokeach beschäftigte sich schon lange mit der Frage, wie die Identität eines Menschen mit seinem inneren Glaubenssystem zusammenhängt. Welche inneren Standards sind zentral für die Persönlichkeit? Welche können sich ohne Folgen ändern? Und was geschieht, wenn eine Stütze des Glaubenssystems bedroht wird?

Dass Menschen sehr empfindlich auf die Verletzung ihrer Identität reagieren, hatte er bei seinen eigenen Kindern gesehen. Als er einmal zum Spaß seine beiden Töchter mit vertauschten Namen ansprach, machte das Vergnügen bald der Unsicherheit Platz. »Papa, das ist ein Spiel, oder?«, fragte die jüngere. Er verneinte, und kurz darauf baten ihn beide, damit aufzuhören. Rokeach hatte den Kern ihrer innersten Überzeugung angegriffen: das Wissen darum, wer sie waren.

Was geschehen wäre, wenn er die Namensverwechslung eine ganze Woche lang durchgehalten hätte, konnte Rokeach nur erahnen. Ein Experiment dazu ließ sich aus ethischen Gründen nicht durchführen. Doch Berichte aus chinesischen Gefängnissen, wo mit ähnlichen Methoden Gehirnwäsche betrieben wurde, legten nahe, dass die Auswirkungen auf die Identität gravierend sind.

Auf der Suche nach einem bedenkenlosen Experiment kamen Rokeach Psychotiker in den Sinn: Menschen, die glauben, eine andere Person zu sein. Wenn er mehrere von ihnen, die dieselbe Identität für sich beanspruchten, zusammenbrächte, würden zwei innere Glaubensgrundsätze kollidieren: die falsche Überzeugung, wer sie waren, und die richtige, dass nicht zwei Leute dieselbe Iden­ti­tät haben können.

In der Literatur fand Rokeach zwei knappe Beschreibungen solcher Fälle: Im 17. Jahrhundert kamen in einem Irrenhaus per Zufall zwei Männer zusammen, die beide glaubten, Christus zu sein. Dreihundert Jahre später trafen sich ebenfalls in einer psychiatrischen Anstalt zwei Marien. In beiden Fällen soll die Konfrontation zur teilweisen Heilung geführt haben.

Rokeach hoffte, mit dem Experiment nicht nur mehr über das innere Glaubenssystem des Menschen zu erfahren, sondern auch über neue Therapiemöglichkeiten bei schweren Identitätsstörungen. Auf der Suche nach zwei Psychotikern, die dieselbe Identität beanspruchten, er­kun­digte er sich bei den fünf psychiatrischen Anstalten im Bundesstaat Michigan. Unter den 25000 Patienten gab es nur eine Hand voll solcher Fälle. Keine Napoleons, keine Chruschtschows, keine Eisen­howers. Bloß ein paar Leute, die der Familiendynastie der Fords oder der Morgans anzugehören glaubten, darüber hinaus eine Frau Gott, ein Schneewittchen und ein Dutzend Mal Christus.

Von den drei Männern, die sich für Christus hielten und für das Experiment infrage kamen, befanden sich zwei in der Klinik Ypsilanti. Der dritte wurde dorthin verlegt. Zwei Jahre lang hatten sie ihre Betten nebeneinander, aßen am selben Tisch und bekamen ähnliche Arbeiten in der Wäscherei zugewiesen.

Leon Gabor war in Detroit aufgewachsen. Sein Vater hatte die Familie verlassen, die Mutter war eine religiöse Fanatikerin. Sie betete den ganzen Tag in der Kirche und ließ ihre Kinder allein zu Hause. Gabor ging kurze Zeit aufs Priesterseminar und dann zum Militär. Später lebte er ­wieder bei seiner Mutter, der er hörig war. 1953, Gabor war 32 Jahre alt, begann er Stimmen zu hören, die ihm sagten, er sei Jesus. Ein Jahr später landete er in einer psychiatrischen Anstalt.

Clyde Benson war auf dem Land in Michigan aufgewachsen. Als er zweiundvierzig war, starben seine Frau, sein Schwiegervater und seine Eltern. Die älteste Tochter heiratete und zog weg. Benson begann zu trinken und heiratete wieder, verlor sein Vermögen, wurde gewalttätig und lan­dete im Gefängnis, wo er behauptete, Christus zu sein. 1942, mit 53 Jahren, wurde er in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen.

Joseph Cassel war in der Provinz Quebec in Kanada zur Welt gekommen. Er war kein leutseliger Mensch, verkroch sich mit seinen Büchern und verlangte, dass seine Frau arbeitete, damit er an einem eigenen Buch schreiben konnte. Er zog mit der Familie zu den Eltern seiner Frau, wo er ständig befürchtete, vergiftet zu werden. Wegen dieser Wahnvorstellung kam er 1939 nach Ypsilanti. Damals war Cassel achtunddreißig Jahre alt. Zehn Jahre später begann er zu glauben, er sei Gott, Jesus und der Heilige Geist.

Schon nach wenigen Treffen hatte jeder der drei eine Erklärung für den Umstand, dass die beiden anderen auch Jesus sein wollten. Benson sagte: »Sie sind nicht wirklich am Leben. Die Maschinen in ihnen sprechen. Nimm die Maschinen raus, und sie werden nicht mehr sprechen.« Cassels Erklärung war von entwaffnender Logik: Gabor und Benson könnten nicht Jesus sein, weil sie ja offensichtlich Patienten in einer psychiatrischen Anstalt seien. Gabor hatte verschiedene Erklärungen für die unmögliche Identität der andern. Zum Beispiel: Sie wollten nur Jesus sein, um Prestige zu gewinnen. Aber er gestand ihnen zu, möglicherweise »ausgehöhlte Hilfsgötter mit einem kleinen g« zu sein.

Um die drei Männer besser kennen zu lernen, gab Ro­keach bei den täglichen Treffen die Themen vor. Man sprach über Familie, Kindheit, die Ehefrauen und immer wieder über die eigene Identität. Es kam zu hitzigen Diskussionen, die nach drei Wochen zu einem ersten gewaltsamen Zusam­men­stoß führten: Als Gabor behauptete, Adam sei ein Schwarzer gewesen, haute ihm Benson eine runter. Nach zwei weiteren tätlichen Auseinandersetzungen – je einer ­zwischen Benson und Cassel und zwischen Cassel und Gabor – verhielten sich die drei Jesusse für den Rest des Experiments friedlich. Am Standpunkt, wer sie zu sein glaubten, hielten sie aber fest. Einzig Gabor hatte wahrscheinlich unter dem Eindruck von Bensons Ohrfeige seine Meinung über Adam geändert: Möglicherweise sei Adam doch kein Schwarzer gewesen.

Nach zwei Monaten übergab Rokeach die Gesprächsleitung den Männern. Abwechselnd leitete einer der drei die täglichen Zusammenkünfte, wählte das Diskussionsthema und gab die Tagesration an Zigaretten aus. Die Themen waren breit gestreut: Filme, Kommunismus, Religion, doch über ihre eigene Identität sprachen sie nicht mehr. Wenn einer trotzdem erwähnte, dass er Gott sei, dann wechselten die anderen das Thema.

Das änderte allerdings nichts an der Überzeugung eines jeden, der einzig wahre Christus zu sein. Gabor zeigte dem Personal seine selbst geschriebene Visitenkarte, auf der man lesen konnte: »Dr. Domino dominorum et Rex rexarum, Simplis Christianus Puer Mentalis Doktor, reincarnation of Jesus Christ of Nazareth«.

Im Januar 1960, etwa ein halbes Jahr nach dem ersten Treffen, änderte Gabor überraschend seinen Namen. Jetzt stand auf der Visitenkarte: »Dr. Righteous Idealed Dung Sir Simplis Christianus Puer Mentalis Doktor«.

»Wie sollen wir Sie ansprechen?«, fragte Rokeach.

»Sie haben das Vorrecht, mich Dr. Dung zu nennen.«

Der Name führte in der Klinik zu einigen Schwierig­keiten. Die Schwestern weigerten sich, einen Patienten »Dung« (Kot) zu nennen, doch Gabor reagierte auf keinen anderen Namen. Schließlich einigte sich Gabor mit der Oberschwester auf den Namen »R. I.« von »Righteous ­Idealed«.

Rokeach fragte sich sofort, ob der Namenswechsel bedeutete, dass Gabor seine Identität gewechselt hatte. Doch wahrscheinlich wollte sich Gabor damit bloß aus der Schusslinie nehmen und zu keinen Konfrontationen mehr Anlass geben.

Im Verlauf des Experiments versuchte Rokeach immer wieder mit gezielten Interventionen, mehr über das Innenleben der Männer zu erfahren. Er schlug zum Beispiel vor, ihre Identitäten zu akzeptieren und sie deshalb anders anzusprechen: Cassel als »Mr. God«, Benson als »Mr. Christ«. Die Männer lehnten ab. Offenbar war ihnen klar, dass niemand außer ihnen glaubte, was sie glaubten, und dass eine offizielle Namensänderung nur Schwierigkeiten mit sich bringen würde. Ein andermal las er ihnen einen Artikel aus der Lokalzeitung vor, der von dem Experiment handelte. Rokeach fragte Benson, was er von den drei Personen darin halte.

»Die sind verrückt«, antwortete er.

»Wissen Sie, wer die Männer sind?«

»Nein, das weiß ich nicht.«

»Haben Sie eine Ahnung?«

»Nein, ihre Namen stehen nicht im Artikel.«

»Was halten Sie von dem, der seinen Namen geändert hat?«, fragte Rokeach. Er meinte Gabor.

»Er vergeudet seine Zeit nicht mit dem Versuch, Jesus zu sein.«

»Warum bedeutet der Versuch, Jesus zu sein, Zeit zu vergeuden?«

Benson stotterte ein wenig, als er sagte: »Warum sollte ein Mann versuchen, jemand anderer zu sein, wenn er noch nicht einmal er selber ist? Warum kann er nicht einfach er selber sein?«

Im weiteren Verlauf der Unterhaltung äußerte Benson die Meinung, die drei Männer im Artikel gehörten in eine psychiatrische Anstalt.

Im April 1960 sagte Gabor, dass er einen Brief von seiner Ehefrau erwarte. Rokeach sah darin einen Weg, das Experiment auszubauen, denn die Frau gab es nur in Gabors Vorstellung: Er war nie verheiratet gewesen. Rokeach wollte herausfinden, ob Gabor tatsächlich an ihre Existenz glaubte, und falls ja, ob er seine falsche Identität ablegte, wenn sie ihn darum bitten würde. Also begann er Briefe an Gabor zu schreiben, die er mit »sincerely Madame Dr. R. I. Dung« unterschrieb.

Für Gabor gab es die Frau tatsächlich. Er ging zu den in den Briefen genannten Treffpunkten, wo sie natürlich nie auftauchte. Etwa eine Woche nach dem ersten Brief erklärte er Rokeach, dass seine Frau eigentlich Gott sei. Rokeach alias Madame Dr. R. I. Dung schickte in den Briefen auch Instruktionen: Gabor solle mit den Männern ein bestimmtes Lied singen oder Geld teilen. Am Anfang befolgte er die Befehle, doch der Bitte seiner Frau, den Namen Dr. R. I. Dung abzulegen, kam er nicht nach.

Am 15. August 1961, zwei Jahre nach der ersten Zusam­men­kunft, trafen sich die drei Christusse von Ypsilanti – so lautet auch der Titel von Rokeachs Buch über das Experiment – zum letzten Mal. Rokeach hatte die Hoffung begraben, sie mit der Therapie in die Realität zurückzubringen. Er hatte erkannt, dass die drei Männer es vorzogen, in Frieden miteinander zu leben, statt die Frage ihrer Identität abschließend zu klären.

Quelle: "Das Buch der verrückten Experimente", S. 158