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Die etwas andere Geschichte der Wissenschaft

1955 Urin im Netz

Im Jahr 1948 hatte der Pharmazeut Peter N. Witt zufällig entdeckt, dass Spinnen unter Drogeneinfluss andere Netze bauen als sonst. Davon hatten auch die Psychiater an der Heil- und Pflegeanstalt Friedmatt in Basel gehört und kamen auf die Idee, mit Spinnen dem Geheimnis der Schizophrenie auf die Schliche zu kommen.

Was diese Geisteskrankheit auslöst, war ein Rätsel – und ist es bis heute geblieben –, doch vor fünfzig Jahren glaubte man, auf eine heiße Spur gestoßen zu sein: Nach der Einnahme von Drogen wie Meskalin oder LSD zeigten sich bei gesunden Menschen ähnliche Symptome wie bei Schizophrenen. Die chemischen Stoffe führten zu kurzzeitigen Halluzinationen und Persönlichkeitsstörungen. Gab es im Stoffwechsel von Schizophrenen permanent solche Substanzen? Waren Schizophrene durch eine Laune ihrer Körperchemie einfach ständig high?

Anfang der Fünfzigerjahre begann man in Basel im Urin von Schizophrenen nach dem Stoff zu suchen. Das Ausgangsmaterial Urin wurde gewählt, »um bei der Beschaffung von größeren Mengen nicht in Verlegenheit zu kommen«, wie einer der beteiligten Forscher schrieb. Doch wie sollte man eine Substanz finden, vor der man weder wusste, ob es sie überhaupt gab, noch, welcher Art sie war?

Der Biologe Hans Peter Rieder ließ fünfzig Liter Urin von fünfzehn Schizophrenen sammeln und aufbereiten. Das Urinkonzentrat wurde an Spinnen verfüttert und deren Netze mit den Netzen von Spinnen verglichen, die Urin von Pflegern erhalten hatten. Wenn sich die Netze dieser zwei Gruppen systematisch unterschieden, wäre vielleicht der gesuchte Stoff dafür verantwortlich, und wenn die Netze zudem noch einem LSD- oder Meskalinnetz glichen, wüsste man schon, in welcher Klasse der Stoff zu suchen wäre.

Der Versuch wurde mehrmals mit verschiedenen Konzentraten durchgeführt, das Resultat war enttäuschend: Zwar bauten die Spinnen unter Urineinfluss tatsächlich etwas andere Netze als sonst, aber es gab keinen systematischen Unterschied zwischen Pflegern und Schizophrenen. Nach weiteren Experimenten setzte sich die Ansicht durch, dass sich die Geometrie des Spinnennetzes nicht zur Diagnose von Geisteskrankheiten eigne.

Eines hatten die Forscher aber herausgefunden: dass das Urinkonzentrat »trotz des beigegebenen Zuckers auch geschmacklich sehr unangenehm wirken muss«. Das Verhalten der Tiere ließ keine Zweifel offen: »Nach kurzem Trinken zeigen die Spinnen eine ausgesprochene Abscheu vor weiteren Berührungen mit dieser Lösung; sie verlassen das Netz, streichen den restlichen Tropfen am Holzrahmen ab, kehren erst nach ausgiebiger Säuberung ihrer Fühler und Mundpartien wieder ins Netz zurück und sind kaum mehr zu weiterer Annahme eines neuen Tropfens zu bewegen.«

Quelle: "Das Buch der verrückten Experimente", S. 135