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Die etwas andere Geschichte der Wissenschaft

Leseproben

Unten finden Sie einige Texte aus dem Neuen Buch der verrückten Experimente. Viel Vergnügen!

1875  Ein teuflischer Apparat

Ernst Mach war wahrscheinlich nicht bewusst, welch teuflischen Apparat er da erfunden hatte. Er stülpte einen »hohlen, drehbaren linierten Cylinder« über seine Versuchspersonen und versetzte ihn in Drehung. So beschrieb er 1875 ein Experiment über die Bewegungsempfindungen. Für die Versuchsperson entstand dabei immer wieder für kurze Zeit die Illusion, nicht der Zylinder drehe sich, sondern sie selbst.

Man vermutete als Grund für diese Täuschung die Einbildung, die Welt als Ganzes sei normalerweise in Ruhe. Wenn sich also, wie in der Trommel, die ganze Umgebung bewegte, nahm das Gehirn selbstverständlich an, der Proband selbst bewege sich. Mach hatte den gleichen Effekt schon auf Brücken beobachtet. Wenn er von dort auf das fließende Wasser blickte, stellte sich bald das Gefühl ein, das Wasser sei in Ruhe, und er selbst rase samt der Brücke darüber hinweg.

Mit der »optokinetischen Trommel«, wie der »linierte Cylinder« später genannt wurde, konnten solche Phänomene im Labor untersucht werden – und nicht nur das. Es erwies sich nämlich, dass sich die gestreifte Trommel auch hervorragend eignet, um Menschen in Übelkeit zu versetzen. Weil sie einfach zu bauen und zu betreiben ist, wurde sie für Übelkeitsforscher zum Werkzeug ihrer Wahl.

Bereits in den 1920er-Jahren standen Versuchspersonen in von der Decke hängenden Pappzylindern, bis sich ihnen der Magen drehte. Damit der »Brechakt« besser beobachtet werden konnte, mussten sie eine Kontrastmahlzeit zu sich nehmen. Röntgenbilder zeigten dann, wie sich der Magen während des Versuchs zusammenschnürte.

Bei späteren Experimenten fand man auch heraus, dass Asiaten viel schneller übel wird als Europäern und dass Übelkeit und Erbrechen von unterschiedlichen Prozessen hervorgerufen werden. Heute werden mit der Trommel häufig Medikamente gegen Reisekrankheit getestet.

Doch die Brechforschung hat auf viele Fragen noch keine Antworten gefunden. Das größte Rätsel bleibt, warum den Versuchspersonen in der Trommel überhaupt schlecht wird. Die Standarderklärung hierfür: Der drehende Zylinder erzeugt widersprüchliche Sinnesmeldungen. Während das Gleichgewichtsorgan im Innenohr dem Gehirn Ruhe meldet, gaukeln die bewegten Streifen dem Auge Bewegung vor. Den umgekehrten Effekt erleben Schiffspassagiere: Ihnen meldet das Gleichgewichtsorgan »Schaukeln«, während sich den Augen das ruhig daliegende Deck präsentiert.

Offen bleibt die viel wesentlichere Frage, warum widersprüchliche Sinnesmeldungen zu Übelkeit führen müssen. Übelkeit und Erbrechen schützen uns vor giftiger oder verdorbener Nahrung. Es gibt für einen Schiffspassagier keinen einsichtigen Grund, sich bei schwerer See von einem Fünf-Gänge-Menü zu »verabschieden«. Schließlich ist er vollkommen gesund, und das Essen war einwandfrei.

Eine spekulative Erklärung nährt sich aus den Parallelen der Vergiftungssymptome mit den widersprüchlichen Sinnesmeldungen. Viele Gifte erzeugen im Gehirn als Erstes Gleichgewichtsstörungen und Schwindelgefühl: Alles schwankt und scheint sich zu drehen.

Möglich, dass das Gehirn aus diesen Symptomen grundsätzlich auf eine Vergiftung schließt, auch wenn sie nur von einem schwankenden Schiff oder einer optokinetischen Trommel stammen.

1932  Ein Säugling, der Rollschuh läuft

Johnny und Jimmy Woods kamen am 18. April 1932 ohne Komplikationen zur Welt: zuerst Johnny mit den Füßen voran, 16 Minuten und 30 Sekunden später Jimmy in Normalposition. Die Mutter Florence Woods war 32 Jahre alt und hatte schon fünf Kinder, für die ihr Mann Dennis als Taxifahrer in New York kaum genug Geld nach Hause brachte. Die Familie war von der Sozialhilfe abhängig und lebte in einer Wohnung ohne Heizung an der Amsterdam Avenue in New York.

Deshalb musste Florence Woods das Angebot eines seltsamen Experiments als Geschenk des Himmels empfunden haben: Eine Psychologin namens Myrtle McGraw wollte an Johnny und Jimmy studieren, wie sich Fördermaßnahmen auf die motorische Entwicklung von Kindern auswirken. Dieses Projekt erforderte, dass die Zwillinge fünf Tage pro Woche von neun bis fünf Uhr unter der Obhut von McGraw oder in einem Hort verbrachten – eine Art Gratiskrippenplatz in bester Umgebung. Überdies würden Johnny und Jimmy später ein Stipendium an der Columbia University erhalten.

Myrtle McGraw erforschte in der Säuglingsabteilung des Columbia Presbyterian Medical Center in New York die Entwicklung von Kindern. Sie war es zum Beispiel, die herausfand, dass Säuglinge in den ersten Monaten einen angeborenen Tauchreflex zeigen, der sie instinktiv die Luft anhalten lässt, wenn sie ins Wasser tauchen. Zu den Fragen, die sie besonders interessierten, gehörte: Lässt sich durch gezieltes Training beeinflussen, wann die Stadien auftreten, die ein heranwachsender Säugling in seiner Motorik durchläuft?

Prominente Wissenschaftler wie der Psychologe Arnold Gesell vertraten die Meinung, die motorische Entwicklung von Kindern folge einem von der Natur vorgegebenen Muster, das kaum beschleunigt werden könne. McGraw war davon nicht überzeugt und überlegte sich, wie sie die Wirkung frühen Trainings testen könnte.

Die einfachste Methode war, den Effekt unterschiedlicher Fördermaßnahmen an zwei genau gleichen Säuglingen zu beobachten. Solche Wesen gibt es zwar nicht, aber eineiige Zwillinge kamen dieser Voraussetzung recht nahe. Eineiige Zwillinge haben das gleiche Erbmaterial. Falls sie sich unterschiedlich entwickeln, kann der Grund also nicht in ihrer Natur liegen, sondern muss auf Umwelteinflüsse – zum Beispiel McGraws Fördermaßnahmen – zurück gehen.

Unter welchen Umständen Florence Woods und Myrtle McGraw zum ersten Mal zusammentrafen, ist nicht bekannt. Aber es muss im Winter 1932 gewesen sein, nachdem Mrs. Woods – im siebten Monat schwanger – erfahren hatte, dass sie zwei Kinder austrug. McGraw wird ihr erklärt haben, wie das Experiment ablaufen würde: Vom zwanzigsten Tag nach der Geburt an sollte der eine Zwilling ein rigoroses Förderprogramm durchlaufen, der andere während derselben Zeit vor allem in einer Krippe mit höchstens zwei Spielzeugen liegen. In regelmäßigen Abständen durchgeführte Tests würden zeigen, was das Training bewirkte.

Weil Johnny bei der Geburt schlechter entwickelt war und auch weniger Gewicht auf die Waage brachte als Jimmy, wählte McGraw ihn für das Förderprogramm aus. Er bekam Schwimmunterricht, übte, über Hindernisse zu klettern und von Podesten zu springen, lernte, Kisten zu stapeln. Die Wirkung ließ nicht auf sich warten: Mit 15 Monaten vollführte Johnny einen Hecht von einem 1,50 Meter hohen Sprungbrett, mit 17 Monaten schwamm er vier Meter unter Wasser, mit 21 Monaten kletterte er von einem 1,60 Meter hohen Podest, und mit 22 Monaten kroch er mühelos eine 70 Grad steile Rampe empor.

Von all seinen Leistungen war Johnnys Geschick im Rollschuhlaufen am erstaunlichsten. Anlässlich eines Treffens der American Psychological Association 1934 zeigte   McGraw einen Film, in dem er auf Rollschuhen die Gänge der Klinik unsicher macht. Die Idee, Johnnys Balance zu beurteilen, indem sie ihn auf Rollschuhe stellte, bezeichnete McGraw später als ihren größten Fehler: Nicht, weil die Methode falsch gewesen wäre, sondern weil ein Säugling auf Rollschuhen für Journalisten ein gefundenes Fressen war.

»Das beste Alter, das Rollschuhlaufen zu lernen, ist sieben Monate«, erklärte die Reno Evening Gazette ihren Lesern, und die  New York Times schrieb: »Konditioniertes Kind beweist Überlegenheit.« Tatsächlich schienen die ersten Resultate die Wirksamkeit des Trainings zu beweisen.
Als die Zwillinge 22 Monate alt waren, konnte das Experiment nicht in der gleichen Form weitergeführt werden. Jimmy quengelte ständig und wurde immer unzufriedener mit seinen restriktiven Spielmöglichkeiten. In einem Intensivprogramm wurde er in den darauf folgenden zweieinhalb Monaten in allem unterwiesen, was Johnny von Geburt an gelernt hatte. Das Resultat war überraschend: Jimmy schloss praktisch in allen Disziplinen zu Johnny auf. Danach lebten die beiden zu Hause, kamen aber zu regelmäßigen Tests in die Klinik, bis sie zehn Jahre alt waren.

Führende Lehrbücher bezeichnen McGraw heute als Anhängerin der Reifungstheorie. Ihr Experiment habe klar gezeigt, dass die Lernbereitschaft letztlich genetisch gesteuert sei und dass eine frühe Förderung letztlich keinen Vorteil bringe. Man müsse einfach warten und die Kinder reifen lassen.
McGraw fühlte sich in dieser Hinsicht missverstanden, weil man ihrer Meinung nach keine allgemein gültigen Aussagen zur Wirksamkeit der Frühförderung machen könne, »da verschiedene Fähigkeiten ganz unterschiedlich bewahrt werden oder verloren gehen«. Persönlich war McGraw überzeugt davon, dass die bessere Körperkoordination, die Johnny im Erwachsenenalter zeigte, auf das Training zurückging.

Die Presseleute gaben dem Experiment von Anfang an einen eigenen Dreh. »Johnny ist ein Gentleman, Jimmy ist ein Idiot«, titelte der Literary Digest 1933 und spielte damit auf die Intelligenz und Persönlichkeit der Zwillinge an, obwohl McGraws Studie sich einzig um die motorische Entwicklung drehte.

Die Studie verlor bei den Journalisten rasch an Interesse – vielleicht weil sie keine einfachen Antworten gab, etwa auf die Frage, ob Natur oder Erziehung die wichtigere Rolle spielten. In vielen Artikeln wurde die Autorität der Psychologie in Sachen Kindererziehung infrage gestellt. »›Normaler‹ Jimmy ist ›wissenschaftlichem‹ Johnny überlegen«, schrieb eine Zeitung; eine andere: »Normaler Zwilling herrscht über ›Superbaby‹.« Den Experten sei es peinlich, dass ihren Theorien ein Schlag versetzt worden sei, war in einem Artikel zu lesen. Die Zeitung bezog sich dabei auf die Tatsache, dass Johnny zwar intelligenter sein mochte, zu Hause aber Jimmy das Sagen hatte und seinen Bruder »für sich arbeiten ließ. … Jimmy scheint alle Qualifikationen eines Managers zu haben und Johnny alle Fähigkeiten eines sachkundigen Untergebenen.«

Der Vergleich aus der Geschäftswelt war natürlich lächerlich, aber McGraw hatte selbst einmal gesagt, Johnnys Förderprogramm sei »eine schlechte Vorbereitung auf das raue Leben in einer Großfamilie«. Zudem war nicht zu verhindern, dass die Eltern Jimmy aus Mitleid zu Hause stärker förderten als Johnny.

Die Journalisten besuchten Johnny und Jimmy zu Hause und begleiteten sie jedes Jahr auf ihrem traditionellen Geburtstagsausflug in den Zirkus. Als die Zwillinge mit sieben in die Schule kamen, schrieb die New York Times: »Nachdem er seit seiner frühsten Kindheit ›wissenschaftlich konditioniert‹ und beobachtet worden war, nahm John Woods gestern Rache an der Wissenschaft, indem er ausrief: ›Ich hasse die Schule!‹«

»Die Presse sammelte sich, um Jimmy zu unterstützen, als ob er der Underdog in einem undemokratischen Experiment sei«, schrieb der Wissenschaftshistoriker Paul M. Dennis vom Elizabethtown College in Pennsylvania, der die Medienberichterstattung über McGraws Experiment untersuchte.

Die entscheidende Frage vergaßen die Journalisten aber zu stellen, und McGraw wies sie aus naheliegenden Gründen nicht darauf hin. Einige Monate nach der Geburt zeigte sich nämlich, dass Johnny und Jimmy sich körperlich nicht so ähnlich waren, wie es eineiige Zwillinge hätten sein sollen. Bereits McGraw erwähnt in ihrer Studie, dass Johnny und Jimmy zweieiig sein könnten. Heute gilt das als praktisch sicher.

1932 gab es noch keine Möglichkeit, den Status von Zwillingen zweifelsfrei zu überprüfen. Als Hinweis auf Eineiigkeit galt, wenn Zwillinge an einer einzigen Plazenta hingen. Darauf hatte man bei der Geburt von Johnny und Jimmy zwar geachtet, aber nicht bemerkt, dass bei ihnen wohl zwei Plazenten zu einer zusammengewachsen waren. Das zentrale Ziel der Studie – Gene und Umwelteinflüsse auseinanderzuhalten – wurde verfehlt. Später unternahm McGraw ein zweites Experiment mit zwei Mädchen, Florie und Margie, von denen man sicher war, dass sie eineiig waren. Die Resultate dieser Studie sind nirgends zu finden.

Myrtle McGraw blieb noch bis 1942 am Columbia Presbyterian Medical Center und widmete sich dann für zehn Jahre ihrer Familie, bevor sie wieder an einer Universität zu unterrichten begann. Sie starb 1988. Über Johnny und Jimmy ist wenig Näheres bekannt. Johnny soll laut Victor W. Bergenn, einem früheren Mitarbeiter von McGraw, 1980 gestorben sein, Jimmy könnte noch am Leben sein. Dann wäre er jetzt 77 Jahre alt.

1968  Das lange Warten auf zwei Marshmallows

Angenommen, Sie müssten die Zukunft eines vierjährigen Kindes vorhersagen. Ob es später gute Schulleistungen zeigt, viele Freunde hat, keine Drogen nimmt, eine harmonische Partnerschaft führt. Kurz: ob es sich zu einer stabilen, zufriedenen Persönlichkeit entwickelt. Was würden Sie tun?

Das Kind von Experten beobachten lassen? Es einem Intelligenztest unterziehen? Sein Gehirn scannen? Die Antwort ist viel einfacher: Machen Sie mit ihm den Marshmallow-Test: Lassen Sie ihm die Wahl zwischen einem Marshmallow sofort oder zwei Marshmallows später (Sie können auch Schokolade nehmen). Je länger es bereit ist, auf die zwei Marshmallows zu warten, desto besser wird es sein Leben meistern.

Dass ein derart einfacher Test so effizient ist, war auch für seinen Erfinder Walter Mischel eine Überraschung. Die erstaunliche Voraussagegenauigkeit entdeckte der Psychologe fast zufällig und erst zwanzig Jahre nachdem er die ersten Experimente zum Thema Belohnungsaufschub gemacht hatte.
Mischel war 25 Jahre alt, als er im Sommer 1955 zum ersten Mal auf die Karibikinsel Trinidad reiste, wo er auch die folgenden drei Sommer verbrachte. Er begleitete seine damalige Frau, die Riten und Zeremonien der Einheimischen erforschte. Doch bald suchte er nach einer eigenen Beschäftigung.

Bei Gesprächen erfuhr er, wie die Inselbewohner übereinander dachten. In den Augen der Einwanderer aus Indien waren die afrikanischstämmigen Trinidader »dem Vergnügen zugetan, vor allem bestrebt, im Moment zu leben und nicht über die Zukunft nachzudenken«. Umgekehrt hielten die Afrikaner die Inder für Arbeitstiere, die »das Geld unter der Matratze verstecken, ohne je den Tag zu genießen«.

Dass ihn die Frage interessierte, ob es besser sei, seinen Bedürfnissen sofort nachzugeben oder sie für ein höheres Ziel aufzuschieben, war kein Zufall. Nachdem er 1938 im Alter von acht Jahren mit seiner Familie vor den Nazis aus Wien in die USA geflüchtet war, musste er viele seiner Bedürfnisse zurückstellen. »Aus einer mittelständischen Familie kommend, fand ich mich in den USA in extremer Armut wieder. Die Frage, wie man sich aus schwierigen Umständen hocharbeitet, wurde zu meinem Lebensthema.«

Dass die Fähigkeit zum selbst auferlegten Aufschub einer Belohnung einen wesentlichen Schritt zur Reifung eines Menschen bedeutete, war schon lange postuliert worden. Geld sparen, eine Diät befolgen, eine Sprache lernen – überall waren diese Gaben gefragt. Wissenschaftliche Versuche dazu hatte jedoch noch niemand angestellt.

Also ließ Mischel Schüler in Trinidad Fragebogen ausfüllen und sagte ihnen dann: »Ich möchte euch allen Süßigkeiten geben, habe aber nicht genug von den großen Süßigkeiten mit dabei. Ihr könnt also heute die kleinere Süßigkeit bekommen oder bis nächsten Freitag warten, dann bringe ich euch die große.«

Dabei fand er zum Beispiel heraus, dass Kinder, die ohne Vater aufwuchsen, was bei den Afrikanern häufig war, oft nicht auf die größere Belohnung warten mochten. Viele der afrikanischstämmigen Kinder zweifelten auch grundsätzlich daran, dass der weiße Experimentator tatsächlich mit den großen Süßigkeiten auftauchen würde, und entschieden sich deshalb für die sofortige Belohnung.

1962 zog Mischel mit seiner zweiten Frau an die Westküste nach Kalifornien. Die Stanford University in Palo Alto hatte ihm eine Stelle angeboten. Es waren seine drei kleinen Töchter, die ihm dort zu seiner größten Entdeckung verhalfen.

1966 gründete die Universität Stanford auf ihrem Campus die Bing Nursery School, eine Kinderkrippe, die der Forschung diente. Dort führte Mischel zwischen 1968 und 1974 seine bekanntesten Experimente über die Mechanik des Belohnungsaufschubs durch.

Seine Versuchspersonen waren jünger als jene in Trinidad. Kinder zwischen vier und sechs Jahren saßen allein vor einem Tisch im sogenannten Überraschungszimmer der Kinderkrippe, einem Raum, der durch einen Einwegspiegel einsehbar ist. Mischel hatte zuvor zwei unterschiedliche Belohnungen und eine Glocke auf den Tisch gelegt und den Kindern erklärt, er werde den Raum jetzt verlassen und längere Zeit nicht wiederkommen. Wenn sie bis zu seiner Rückkehr warteten, bekämen sie die große Belohnung. Sollte ihnen das jedoch zu lange dauern, könnten sie mit der Glocke klingeln. Er werde dann sofort zurückkommen. Dann allerdings gebe es nur die kleine Belohnung.

Das Verfahren scheint recht einfach zu sein, doch waren viele Unwägbarkeiten zu bedenken. Wie lange sollte der Versuchsleiter maximal warten, wenn das Kind der Versuchung nicht erlag? In Vorstudien warteten einige Kinder eine ganze Stunde allein im Zimmer. Mischel beschränkte die Wartezeit schließlich auf 20 Minuten.

Wie lange die Kinder bereit waren zu warten, hing natürlich auch von den Belohnungen ab. »Einmal legten wir ein M & M neben einen Beutel M & M, was dazu führte, dass die meisten Kinder ewig auf den Beutel warteten«, erinnert sich Mischel. Waren sich Belohnungen aber zu ähnlich, nahmen die Kinder natürlich sofort die kleinere. In Vorversuchen wurde der Wert der Belohnungen so austariert, dass mit ungefähren Wartezeiten zwischen 0 und 20 Minuten zu rechnen war. Weil Mischel dabei auch Marshmallows einsetzte, wurden die Versuche unter dem Namen »Marshmallow-Test« bekannt.

Durch den Einwegspiegel beobachtete Mischel, welche Strategien die Kinder anwendeten, um der Versuchung zu widerstehen. Einige hielten die Hände vors Gesicht, damit sie die Belohnung nicht anschauen mussten. Andere redeten sich zu: »Wenn ich noch ein bisschen länger warte, kriege ich es – er kommt jetzt sicher bald zurück –; ich bin ganz sicher, er muss.« Wieder andere begannen zu singen oder erfanden Spiele mit ihren Händen und Füßen. Es gab sogar Kinder, die versuchten einzuschlafen – was einem tatsächlich gelang.

Mischel versuchte herauszufinden, was in den Köpfen der Kinder vorging, erforschte die Bedingungen, die das Warten erleichterten oder erschwerten. Weil auch seine Töchter die Bing Nursery School besuchten, gehörten sie ebenfalls zu den Versuchspersonen. Das war sein großes Glück, denn von ihnen erfuhr er noch Jahre nach den Experimenten, wie es den anderen Kindern ging. »Hin und wieder fragte ich: Wie geht es eigentlich Susie?, oder: Was macht George? Ich schrieb mir die Antworten auf und entdeckte einen verblüffenden Zusammenhang zwischen den Testresultaten und den Kommentaren meiner Töchter.« Wer sich beim Marshmallow-Test als geduldig erwiesen hatte, war offenbar besser in der Schule und hatte auch sonst weniger Probleme.

Das brachte ihn auf die Idee, die Kinder dreizehn Jahre nach den ersten Experimenten noch einmal unter die Lupe zu nehmen. Das Resultat war eine Sensation: Der im Alter zwischen vier und sechs Jahren absolvierte Marshmallow-Test sagte viele Eigenschaften der Kinder zehn Jahre später mit unerwarteter Genauigkeit voraus. Aus einem einzigen Messwert – der Anzahl Sekunden, die ein Kind warten konnte – ließ sich ablesen, ob es später ausgeglichen und kooperativ war, ob es Initiative zeigte und welche Schulnoten es nach Hause brachte. Selbst als die Kinder längst erwachsen waren, ergaben sich aus ihren frühen Testresultaten noch Hinweise auf Selbstbewusstsein und Stressresistenz.

Die Welt außerhalb der Psychologie erfuhr von Mischels Marshmallow-Test aus Daniel Golemans 1995 erschienenem Bestseller  Emotional Intelligence. Goleman erhob die Fähigkeit, kurzfristigen Verlockungen zugunsten langfristiger Ziele zu entsagen, zu einer der wichtigsten in der Lebensbewältigung. »Diese Fähigkeit ist wertneutral«, sagt Mischel, »man braucht sie, ob man nun Mafiaboss werden will oder Gandhi.«

Erstaunlicherweise dauerte es fast vierzig Jahre, bis jemand der offensichtlichen Frage nachging, die Mischels Erkenntnis beinhaltete: Wenn Kinder, die im Test gut abschneiden, generell besser durchs Leben kommen, könnte man diese Fähigkeit dann nicht trainieren? Und wenn ja, auf welche Weise? Und würde sich dieses Training dann wirklich positiv auf das spätere Leben auswirken? Die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub könnte auch genetisch bedingt sein.

Entsprechende Studien laufen derzeit an. Ihre Resultate werden wohl zu den wichtigsten gehören, die die Psychologie in Zukunft über die Erziehung gewinnen wird.

Bevor Sie nun mit drei Marshmallows und einer Stoppuhr Ihrem Vierjährigen die Zukunft prophezeien, hier noch eine Warnung: Es gibt keine Tabelle, die Ihnen sagt, welche Zeit Ihrem Kind ein gutes Leben garantiert. Die hängt von der Versuchsanordnung und der Art der Belohnung ab und wäre überdies ohnehin nur als statistische Tendenz zu verstehen, die über den Einzelfall wenig aussagt.
Darüber bin auch ich froh, denn mein Vierjähriger würde ohne zu zögern die kleine Belohnung ergreifen und dann seine Mutter so lange anflehen, bis sie auch die große herausrückt.

1992  Die angeborene Vorliebe der Jungen für Spielzeugautos

Angesichts der herannahenden Geburtstage ihrer lieben Sprösslinge stehen aufgeschlossene Eltern vor dem gleichen Problem: Sollen sie ihrem Sohn den Betonmischer mit Profilreifen, Wassertank und Auslaufblechen kaufen, obwohl er eben erst den Kippsattelzug mit Zwillingsbereifung bekommen hat? Wäre es nicht an der Zeit, seine Fürsorge weg vom Gabelstapler in Richtung Puppe zu lenken? Und das Mädchen? Sollte man ihm nicht den Lego-Bausteinkasten schmackhaft machen statt das dritte Fashion-Fever-Abendkleid für Barbie?

Wenig ist in einem Kinderleben so stabil wie die Vorlieben der Geschlechter für bestimmte Spielsachen. Lange Zeit vermutete man dahinter ausschließlich die Sozialisation. Knaben imitieren Männer, Mädchen Frauen, die Werbung besorgt den Rest, sodass kein Knabe in der Nähe eines rosaroten Plüschponys gesehen werden will. Doch kann das die ganze Erklärung sein? Die Psychologin Melissa Hines zweifelte daran.

Als sie in den 1990er-Jahren an der University of California in Los Angeles tätig war, ergaben Hines’ Studien, dass Mädchen, die wegen einer Störung vor der Geburt zu viel des männlichen Sexualhormons Testosteron produziert hatten, sich später mehr für Hubschrauber und Feuerwehrautos interessierten.
Doch gegen die Idee, Spielzeugvorlieben bei Kindern könnten auch hormonell bedingt sein, erwuchs erheblicher Widerstand. Einerseits war unklar, warum diese Vorlieben hätten angeboren sein sollen, andererseits war die Sache politisch: Viele Frauen unterstrichen die Forderung nach Gleichberechtigung mit dem Argument, typisch männliche oder weibliche Verhaltensweisen seien ausschließlich das Resultat gesellschaftlicher Einflüsse. Da wäre es politisch äußerst unkorrekt gewesen, wenn sich Frauen schon als kleine Mädchen genetisch zum Kochherd hingezogen gefühlt hätten.

Es war Hines’ Kollegin Margaret Kemeny, die sie auf die entscheidende Idee brachte, wie sich die Sache klären ließe: Warum die Vorlieben für Spielzeug nicht dort messen, wo jeder Einfluss konservativer Eltern und knalliger Werbung ausgeschlossen werden kann – bei Affen? Also entwarfen Hines und ihre Mitarbeiterin Gerianne M. Alexander ein Experiment, das sie 1992 auf der Affenstation der Universität in Sepulveda durchführten: Sie präsentierten 88 Gelbgrünen Meerkatzen – 44 Weibchen und 44 Männchen – in Gruppen nacheinander sechs verschiedene Spielsachen und beobachteten, mit welchen sie am längsten spielten. Die Beliebtheit der Spielsachen war in früheren Studien bestimmt worden. Es waren zwei typisch männliche (ein Ball und ein Polizeiauto), zwei typisch weibliche (eine Puppe und ein Kochtopf) und zwei neutrale (ein Bilderbuch und ein Plüschhund).

Die Resultate waren eindeutig: Die männlichen Affen spielten doppelt so lange mit dem Ball und dem Polizeiauto wie die weiblichen, diese wiederum doppelt so lange mit der Puppe und dem Kochtopf wie die männlichen. Bilderbuch und Plüschhund waren ähnlich beliebt. Bis auf kleine Unterschiede zeigten die Affen also ähnliches Verhalten wie Menschenkinder. Wie Knaben spielten männliche Affen grundsätzlich häufiger mit Objekten als Mädchen und Weibchen.

Was das alles zu bedeuten hat, ist noch unklar, zumal die Forscher bei den Affen nicht die gleiche Methode anwenden konnten wie bei Kindern, die bei solchen Tests jeweils allein sind und denen zwei Spielzeuge gleichzeitig zur Auswahl angeboten werden. Sicher scheint, dass die Vorliebe der Geschlechter für unterschiedliches Spielzeug nicht nur von Eltern und Fernsehspots bestimmt wird, sondern auch einen biologischen Anteil hat. Wie unpopulär diese Erkenntnis ist, erfuhren Hines und Alexander, als sie das Ergebnis publizieren wollten: Zehn Jahre dauerte es, bis sie eine Fachzeitschrift fanden, die ihren Artikel 2002 druckte. Sechs Jahre später wiesen andere Forscher bei männlichen Rhesusaffen eine Vorliebe für Spielzeug mit Rädern und eine Abneigung gegen Plüschtiere nach.

Die große Frage bleibt: Woher kommen diese unterschiedlichen Präferenzen? Wie konnten sich das männliche und das weibliche Gehirn dahin entwickeln, Dinge zu mögen, die es noch gar nicht gab, als dieses Gehirn von den Kräften der Evolution geformt wurde? Welche Eigenschaft eines Tiefladers macht ihn für ein männliches Gehirn attraktiv? Darüber wird im Moment eifrig spekuliert. Sind es die beweglichen Teile? Oder ist es gar nicht das Spielzeug selbst, sondern, was man damit tun kann? Mit einer Puppe kann man nicht auf dem Boden umherfahren.

In der Wissenschaft sind es fast nur Frauen, die sich mit diesen Fragen auseinandersetzen. Ihre früheren Schulkollegen konstruieren derweil wohl Autos oder spielen Fußball.

2000  Mein Freund, der Computer: Intimitäten am Bildschirm

Wie bringt ein Mensch einen anderen dazu, Intimitäten auszuplaudern? Ganz einfach: indem er zuerst Persönliches von sich selbst preisgibt. Und wie bringt ein Computer eine Person dazu, Intimitäten auszuplaudern. Ganz einfach: indem der Computer etwas Persönliches von sich selbst preisgibt.

Dieser Gedanke ist einfach zu lächerlich, um ernst genommen zu werden. Die Psychologin Youngme Moon von der Harvard University hat es trotzdem getan und dabei eine erstaunliche Entdeckung gemacht.

Moons Versuchsteilnehmer mussten am Computer elf persönliche Fragen beantworten: Auf welche Ihrer Eigenschaften sind Sie am meisten stolz? – Was war die größte Enttäuschung in Ihrem Leben? – Was sind Ihre Gefühle gegenüber dem Tod? Und so weiter. Die Fragen wurden auf dem Bildschirm eingeblendet, und die Versuchsteilnehmer gaben die Antworten über die Tastatur ein.

Bei einem Teil der Versuchsteilnehmer ging jeder Frage ein Text mit Informationen über den Computer voraus. Vor der Frage »Was sind Ihre Gefühle gegenüber dem Tod?« konnten die Versuchsteilnehmer zum Beispiel lesen: »Computer werden so gebaut, dass sie theoretisch Jahre überdauern können. Weil jedoch immer neuere und schnellere Computer auf den Markt kommen, werden die meisten Computer nur wenige Jahre gebraucht, bis sie von ihren Besitzern entsorgt werden. Dieser Computer hier ist etwa sechs Monate alt. … Es bleiben ihm also etwa vier oder fünf Jahre, bis er durch ein neueres Modell ersetzt werden wird.« Und vor der Frage »Können Sie den Moment beschreiben, als Sie das letzte Mal sexuell erregt waren?« blendete der Computer diesen Text ein: »Vor einigen Wochen kam ein Benutzer hierher und brauchte diesen Computer, um ein digitales Video zu schneiden. Das hatte noch nie jemand auf diesem Computer gemacht.«

Als Moon die Antworten auswertete, zeigte sich, dass ihre Versuchspersonen dem Computer gegenüber exakt die gleichen sozialen Regeln befolgten, die zwischen Menschen üblich sind: Wenn der Computer ihnen verriet, dass seine Benutzer sich nie mit Programmen beschäftigten, die seine Leistung ausschöpften, beantworteten sie die Frage nach der größten Enttäuschung in ihrem Leben viel offener.
Immer wenn der Computer sein Innerstes offenlegte – dass er mit einem Pentium-II-Prozessor bestückt ist, eine 9 Gigabyte große Festplatte hat und mit 266 Megahertz getaktet ist –, waren die Antworten der Benutzer danach umfassender, tiefgründiger und enthielten eine größere Anzahl Details.

Dass diese Erkenntnis dereinst auch praktisch angewendet werden soll, legt der Name der Fachzeitschrift nahe, in der sie publiziert worden ist: Die Zeitschrift für Konsumentenforschung.

2001  Bei Ejakulation Tabulator drücken

Fragebogen gehören zum Langweiligsten, was die Wissenschaft je hervorgebracht hat. Gelangweilte Studenten sitzen vor dicht bedruckten Blättern, auf denen sie weiße Kästchen ankreuzen. Aus den Antworten ziehen Forscher dann bahnbrechende Schlüsse: Frauen essen mehr Tofu als Männer, Achtzigjährige hören weniger Gangsta-Rap als Sechzehnjährige.

Doch die Befragung, die Dan Ariely im Jahr 2001 an der University of California in Berkeley durchführte, hatte einen besonderen Dreh. Die Computertastatur, mit der die Versuchsteilnehmer ihre Antworten eingaben, war nämlich so ausgelegt, dass »sie einfach mit der nicht dominanten Hand bedient werden konnte«, wie Ariely in seiner Studie »In der Hitze des Gefechts: Die Wirkung sexueller Erregung auf sexuelle Entscheidungen« schrieb. Die andere Hand wurde benötigt, um die im Titel der Studie erwähnte sexuelle Erregung herbeizuführen.

Die Idee für das Experiment kam Ariely, als er über eine in den USA übliche Maßnahme gegen Teenagerschwangerschaften nachdachte. Konservative und kirchliche Kreise propagieren den von der Drogenprävention übernommenen Appell »Just say no« (»Sag einfach Nein«) – als Mittel gegen Teenagersex. Ariely wunderte sich, warum der von vielen Jugendlichen so ernsthaft beherzigte Vorsatz, im entscheidenden Moment einfach Nein zu sagen, so wenig Wirkung zeigte. »Die Frage war: Wissen die Jugendlichen im Grunde, dass ihr Versprechen unrealistisch ist, oder haben sie wirklich keine Ahnung, wie sie sich später verhalten werden?«

Die Vermutung lag nahe, dass sich die sexuelle Erregung auf die Entscheidungsfindung auswirkte. »Triebe wie Hunger und Durst sind so angelegt, dass sie stärker ausgelebt werden, wenn sich die Gelegenheit bietet. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass Sex nicht dieser Regel gehorcht«, schreibt Ariely. Für Hunger und Durst war dieser Zusammenhang längst wissenschaftlich belegt, für Sex wusste man es höchstens aus eigener Erfahrung oder vom Hörensagen. Das wollte Ariely ändern.

Eigentlich arbeitete Ariely am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge, aber weil er gerade ein Jahr als Gast im kalifornischen Berkeley verbrachte, hängte er seine Zettel dort an die Anschlagbretter: »Gesucht: Männliche Versuchsteilnehmer, heterosexuell, 18 Jahre oder älter, für eine Studie über Entscheidungsfindung und Erregung«. Weiter unten stand: »Die Experimente können sexuell erregendes Material einschließen.«

Über mangelndes Interesse konnte sich Ariely nicht beklagen. Schon bald musste er Studenten abweisen. Nach langen Diskussionen mit seinen Assistentinnen und Assistenten entschied er sich, für die erste Studie nur Männer heranzuziehen. »Was Sex betrifft, ist ihre Verdrahtung viel einfacher als jene von Frauen«, schrieb er später in seinem Buch Predictably Irrational. »Eine Ausgabe des Playboy und ein abgedunkelter Raum waren so ziemlich alles, was wir brauchten, um ans Ziel zu kommen.«

Ariely wollte nicht direkt mit den Studenten in Kontakt treten. Einigen wäre es wohl peinlich gewesen, nach dem Experiment in seiner Vorlesung zu sitzen. Ein Forschungsassistent übernahm die Aufgabe, die Versuchsteilnehmer zu instruieren. Von der Idee, den Versuch in einem Labor durchzuführen, war Ariely schnell abgekommen. Wenn er auch nur halbwegs ehrliche Antworten auf seine delikaten Fragen erhalten wollte, musste das Ganze in privater Atmosphäre stattfinden und so unkompliziert wie möglich sein. Deshalb verzichtete er auch darauf, den Grad der Erregung mit den in der Sexforschung üblichen ringförmigen Dehnmessstreifen zu bestimmen, die über den Penis gestülpt werden und die Veränderung des Durchmessers anzeigen. Vielmehr drückte sein Forschungsassistent den jungen Männern einen Laptop in die Hand und wies sie an, sich in ihr Zimmer zurückzuziehen, die Tür abzuschließen und sich aufs Bett zu legen, den Computer so positioniert, dass ihre nicht dominante Hand bequem die in Zellophan gewickelte Tastatur  erreichte.

Auf dem Bildschirm konnten sie sich dann durch Pornobilder klicken, die zwei Studenten zuvor im Auftrag von Ariely ausgesucht hatten. »Ich wollte Material, das bei ihnen wirkte, deshalb mussten die Bilder von Studenten ausgewählt werden.« Den Grad ihrer Erregung gaben sie mit den Pfeiltasten auf einem Leuchtbalken an, der sie rechts neben den nackten Körpern ständig daran erinnerte, dass sie im Dienste der Wissenschaft standen. Wenn sie bei »75 Prozent Erregung« angekommen waren, wurde auf dem Bildschirm die erste Frage eingeblendet, die sie beantworten konnten, indem sie mit den Pfeiltasten eine Markierung irgendwo zwischen »Ja« und »Nein« auf einem zweiten Leuchtbalken positionierten, je nachdem, ob sie eher zustimmten oder ablehnten. Falls sie aus Versehen ejakulierten, erhielten sie die Anweisung, die Tabulatortaste zu drücken. Das Experiment wäre dann abgebrochen worden, was aber nie geschah.

Die Fragen, die die Versuchsteilnehmer beantworten mussten, hatten es in sich, und wer keine sexuell explizite Passagen lesen will, sollte spätestens jetzt weiterblättern. Es begann harmlos mit »Halten Sie die Schuhe von Frauen für erotisch?«, ging dann aber weiter mit »Könnten Sie sich vorstellen, Sex mit einer vierzigjährigen Frau zu haben?«, »mit einer fünfzigjährigen?«, »mit einer sechzigjährigen?« – »Könnten Sie sich zu einem zwölfjährigen Mädchen hingezogen fühlen?« – »Könnten Sie Sex genießen mit jemandem, den Sie hassen?« – »Ist eine Frau sexy, wenn sie schwitzt?« – »Würden Sie versuchen, Ihre Chancen auf Sex zu erhöhen, indem Sie einer Frau sagten, dass Sie sie liebten?«, »indem Sie sie ermutigten, Alkohol zu trinken?«, »indem Sie ihr Drogen gäben?« – »Würden Sie ein Kondom benutzen, wenn die Gefahr bestünde, dass die Frau ihre Meinung ändert, während Sie es holten?«

Ariely bildete aus den 35 Versuchsteilnehmern drei Gruppen: Die bedauernswerte erste Gruppe beantwortete die Fragen nur in nicht erregtem Zustand und wurde dann entlassen. Die zweite Gruppe antwortete zuerst erregt und mindestens einen Tag später nicht erregt und die dritte Gruppe zuerst nicht erregt, dann erregt und schließlich wieder nicht erregt. Ariely wollte damit klären, ob die Reihenfolge der verschiedenen Situationen einen Unterschied machte. Sie machte keinen, die Resultate waren erstaunlich konsistent: Sexuell erregt, waren die Studenten viel eher bereit zu ungewöhnlichen sexuellen Praktiken, zu arglistigem Verhalten gegenüber einer Partnerin und zu risikoreichen Handlungen.

Der Effekt war erstaunlich groß. Ariely hatte den Leuchtbalken, den die Studenten zur Eingabe ihrer Antworten benutzten, in eine Hunderterskala verwandelt. »Nein« lag bei 0, »vielleicht« bei 50, »ja« bei 100. Die Durchschnittsantwort auf die Frage »Würde es Ihnen Spaß machen, Ihre Partnerin zu fesseln?«, lag nicht erregt bei 47, erregt bei 75. Für »Ist nur küssen frustrierend?« nicht erregt bei 41, erregt bei 69.

Ariely musste mehrere Anläufe nehmen, bis die Fachzeitschrift Journal of Behavioral Decision Making die Arbeit veröffentlichte. Vielen anderen Publikationen war das Experiment zu heiß. Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. »Einige Leute sagten, ›das Resultat ist trivial‹, oder ›das wussten wir schon lange‹«, erinnert sich Ariely. Er hielt das Ergebnis für ganz und gar nicht trivial. »Wenn alle das schon wussten, warum unterscheiden sich die Antworten dann so stark?«, fragt er. In Wirklichkeit seien sich die wenigsten Leute dieses Effekts bewusst – jedenfalls nicht bei sich selbst.

Dass jeder von uns – egal, für wie edel er sich hält – die Wirkung der Leidenschaft auf seine Handlungen unterschätzt, hat weitreichende Folgen. »›Sag einfach Nein‹ geht davon aus, dass man seine Leidenschaft auf Knopfdruck abstellen kann«, schreibt Ariely. Und weil man das nicht könne, bliebe nur die Alternative: »Entweder lehren wir unsere Teenager, wie man Nein sagt, bevor sich eine Si tuation entwickelt, in der es unmöglich ist, zu widerstehen, oder wir bereiten sie auf die Konsequenzen vor, wenn sie in entflammter Leidenschaft Ja gesagt haben (indem sie zum Beispiel Kondome benutzen).« Eines ist sicher: »Wenn wir unsere jungen Leute nicht lehren, wie sie mit Sex umgehen sollen, wenn sie halb wahnsinnig sind, halten wir nicht nur sie zum Narren, sondern auch uns selbst.«

Nach seinem Gastjahr in Berkeley kehrte Ariely ans MIT zurück, wo er das Experiment wiederholen und auf Frauen ausweiten wollte. Er fragte den Dekan der Sloan School of Management am MIT, wo er arbeitete, um Erlaubnis. »Der Dekan sagte, ›lass uns eine Kommission einsetzen‹«, erinnert sich Ariely, »und jedes Mal, wenn man das Wort ›Kommission‹ hört, weiß man, dass es lange dauern wird.«

Obwohl dieses Gremium nicht nur aus Frauen bestand, nannte sie Ariely bald die »Kommission der wütenden Frauen«. »Da gab es zum Beispiel eine Frau, die nie nach Frankreich reisen würde, weil die Werbung dort zu gewagt war. Mit solchen Leuten musste ich mich herumschlagen.«

Wie nicht anders zu erwarten, hatte die Kommission einige Einwände. So wurde zum Beispiel befürchtet, dass masturbationssüchtige Versuchsteilnehmer  rückfällig würden oder dass die Pornobilder unterdrückte Erinnerungen an früheren Missbrauch heraufbeschwören könnten. Ariely hielt beide Einwände für weit hergeholt, einerseits war krankhafte Masturbationssucht extrem selten, andererseits war wissenschaftlich höchst zweifelhaft, ob es das, was die Kommission unter »unterdrückte Erinnerungen« verstand, wirklich gab.

Schließlich wurde die Bewilligung unter drei Bedingungen erteilt: Für das Experiment durften keine MBA-Studenten der Sloan School rekrutiert werden, alle Anfragen der Presse mussten direkt an die Kommunikationsabteilung weitergeleitet werden, und es war Ariely verboten, von diesen Experimenten im Unterricht zu erzählen. Vor allem der letzte Punkt kam Ariely reichlich seltsam vor: »Warum sollten wir Experimente machen, wenn wir dann nicht darüber reden dürfen?«

In der Zwischenzeit hatte sich Ariely zur Sicherheit die Bewilligung bei einem anderen MIT-Institut eingeholt, für das er tätig war. Doch die Schwierigkeiten nahmen trotzdem kein Ende, denn als Nächstes machte Ariely die Tatsache zu schaffen, dass Studentinnen viel seltener masturbieren als Studenten und dabei größere Schwierigkeiten haben, in Erregung zu geraten. »Bei den Männern kann man jeden nehmen, alle wissen, wie man masturbiert, doch wenn wir die Studie nur mit jenen zwanzig Prozent Frauen machen konnten, die Selbstbefriedigung betrieben oder sich dazu bekannten, hätten wir eine sehr unausgewogene Stichprobe gehabt.« Daraus hätte sich nicht auf das Verhalten der Frauen im Allgemeinen schließen lassen.

Ariely erwog schließlich sogar den Einsatz von Vibratoren, um seine Studie zu retten, doch das Zulassungsgremium hielt das für keine gute Idee. »Ich glaube, sie befürchteten, der Boston Globe würde schreiben: ›MIT-Professor lehrt Frauen das Masturbieren!‹« Ariely musste das Projekt schließlich aufgeben, und so wissen wir bis heute nicht, ob Frauen Männerschuhe erotischer und Männerschweiß anziehender finden, wenn sie sexuell erregt sind.

2006  Versager auf vier Pfoten

Es geschah auf einem Spaziergang, den Silke S., wie sie später in der Zeitung genannt wurde, oft mit ihrem Berner Sennenhund Balu unternahm: Mitten im Wald bedrohten plötzlich zwei Männer die junge Frau. Balu, der sonst selbst vor kleinen Hunden die Flucht ergriff, »wuchs über sich hinaus und verteidigte Silke S. gegen die Angreifer«, bis sie sich aus dem Staub machten.

Für seinen Mut verlieh die Zeitschrift Ein Herz für Tiere Balu den Titel »Retter auf vier Pfoten«. Er erhielt ein goldenes Herz und einen »Pedigree«-Fresskorb.

Wenn es nach dem Psychologen William A. Roberts von der kanadischen Universität Western Ontario ginge, hätte Balu besser auf die Ehrung verzichtet. Natürlich weiß Roberts, dass sich Hunde erstaunliche Fähigkeiten aneignen können: Sie führen Blinde oder spüren Lawinenopfer auf. Doch auf solche Leistungen muss man sie lange und intensiv vorbereiten. Was Roberts nicht recht glauben will, ist, dass ein untrainierter Hund erkennen kann, wann ein Mensch Hilfe braucht.

Aus Sicht vieler Tierbesitzer ist das ein dicker Hund. Schließlich kann man immer wieder in der Zeitung lesen, welch außergewöhnliche Taten Hunde vollbringen. Schäferhund Freddie zog sein Herrchen aus dem eisigen Wasser. Irish Setter Caleigh holte Hilfe, als sein Besitzer einen Herzinfarkt erlitt. Golden Retriever Toby sprang seinem Frauchen auf den Brustkorb, als diese an einem Apfelstückchen zu ersticken drohte.

»Ich zweifle nicht daran, dass Hunde Dinge tun, die Menschen in Notfällen helfen, sondern daran, dass sie dies mit Absicht tun«, sagt Roberts. Die Tatsache, dass es so viele Geschichten über Hunde als Retter gebe, sei vielleicht bloß darauf zurückzuführen, dass Hunde die häufigsten Haustiere sind. »Deshalb sind sie oft zugegen, wenn jemand in Not gerät, und tun manchmal aus purem Zufall das Richtige.« Und damit werden sie dann bekannt. Ein Hund hingegen, der sein Herrchen verletzt liegen lässt, um einer Hundedame ins Gebüsch zu folgen, macht keine Schlagzeilen. Damit er in die Zeitung kommt, wenn er das Falsche tut, muss er schon durch eine gewisse Originalität auffallen, wie jener Jagdhund, der in Texas seinen Meister erschoss, als er den Abzugbügel des Gewehrs berührte.

Roberts besitzt selbst keinen Hund und kannte sich mit den Tieren auch nicht besonders gut aus; deshalb dauerte es eine Weile, bis er seinen Zweifeln auf den Grund gehen konnte. 2005 saß Krista Macpherson in einem seiner Kurse an der Uni. Als Roberts erfuhr, dass sie Hundezüchterin und Hundetrainerin war, schlug er ihr vor, die Hilfsbereitschaft von Hunden in einem Experiment wissenschaftlich zu untersuchen.

Als Erstes mussten sich die beiden Forscher für einen Notfall entscheiden, der sich für den Versuch einfach inszenieren ließ. Die nächstliegenden Ideen waren »Herrchen ist am Ertrinken« oder »Frauchen wird angegriffen«. Roberts und Macpherson verwarfen beide. »Wir befürchteten, dass tatsächlich jemand hätte ertrinken oder gebissen werden können«, erinnert sich Roberts. Sie entschieden sich für zwei andere Situationen: einen simulierten Herzinfarkt und einen von einem umgestürzten Regal eingeklemmten Menschen. Beide waren inspiriert von den berühmten Studien aus den 1960er-Jahren über die Hilfsbereitschaft von Menschen.

Anders als bei den meisten wissenschaftlichen Studien mit Versuchstieren war die Rekrutierung der Hunde kinderleicht. Die Hundebesitzer verlangten geradezu, dass ihr Hund getestet würde – immer in der unausgesprochenen Annahme, er erweise sich als selbstloser Retter.

Für den Versuch mit dem Herzinfarkt trainierte Macpherson zwölf Hundebesitzer darin, eine solche Attacke vorzutäuschen. Dann schickte sie einen nach dem anderen mit ihrem Hund auf den verlassenen Schulhof, der ihr für die Experimente zur Verfügung stand. In der Mitte des Hofes brachen sie zusammen. In elf Metern Entfernung saß eine Person auf einem Stuhl und las Zeitung (manchmal waren es auch zwei Personen).

Mit einer einzigen Ausnahme berührte kein Hund die Zeitung lesenden Personen, um sie auf den Notfall aufmerksam zu machen. Sie bellten auch nicht. Vielmehr vertrieben sie sich die sechs Minuten, bis der Test zu Ende war, damit, in der Nähe des Opfers herumzuschnüffeln und hie und da ein wenig auf dem Boden zu scharren. Einige waren auch nervös, legten die Ohren an und senkten den Schwanz.

Macpherson glaubt, dass den Hunden die Situation nicht gleichgültig war, »aber ihr Instinkt war nicht, im nächsten Dorf den Sheriff zu holen. Ich glaube, sie sehen den Menschen als Mitglied des Rudels, und blieben bei ihm.« Oder auch nicht. Ein Spaniel ließ sich durch ein Eichhörnchen von den Leiden seines Besitzers ablenken. Der Hund rannte ihm nach und erlegte es mit einem Nackenbiss. Und ein kleiner Pudel sprang nach dem Herzinfarkt seines Besitzers sofort auf den Schoß des Zeitungslesers; er wollte gestreichelt werden.

Beim zweiten Test begrub ein Bücherregal die Hundebesitzer unter sich, sodass sie sich nicht mehr regen konnten, aber bei Bewusstsein waren. Sie simulierten Schmerzen und befahlen dem Hund, bei der Person, die er zuvor im Nebenraum gesehen hatte, Hilfe zu holen.

Doch auch bei diesem Versuch versagten die Hunde: Kein einziger ging Hilfe holen! Eine Hundebesitzerin war darüber so wütend, dass sie ihren Hund anschrie: »Du bist die 700 Dollar nicht wert, die ich für dich bezahlt habe!«

Als die Resultate publik wurden, waren Roberts und Macpherson tagelang mit Radio- und Fernsehinterviews beschäftigt. Viele Hundebesitzer wollten ihre Schlussfolgerung aber nicht glauben, dass Hunden die Fähigkeit fehle, zu erkennen, wann ein Mensch in Not sei. Sie riefen während der Sendung an und steuerten ihre eigenen Anekdoten von den Rettern auf vier Pfoten bei.

Kritiker warfen Roberts und Macpherson vor, ihre Szenarien seien nicht dramatisch genug gewesen. Nur bei der Bedrohung durch Feuer oder durch einen Gewalttäter oder bei der Gefahr des Ertrinkens produziere ein Opfer die Pheromone, die einen Hund instinktiv spüren ließen, dass es sich wirklich um einen Notfall handle.

Roberts weiß, dass mit dieser Studie nicht das letzte Wort zum Thema Hunde als Retter gesprochen ist, aber dass sich von den 44 Hunden aus 15 Rassen kein einziger als Lassie hervorgetan hat, verlangt nach einer Erklärung.

Hunde sind die ältesten Haustiere, seit 10 000 oder 15 000 Jahren sind sie Begleiter des Menschen. Roberts vermutet, dass in dieser Zeit die Fähigkeit, sich selbstständig in der Welt zu bewegen, herausgezüchtet worden ist. »Auf sich selbst gestellt, sind Hunde nicht besonders gut.«

Während der Domestizierung ist den Hunden offenbar auch ihr räumliches Gedächtnis abhanden gekommen. In Labyrinthversuchen, die Roberts und Macpherson kürzlich unternommen haben, schnitten sie jedenfalls deutlich schlechter ab als Ratten und Tauben.