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Die etwas andere Geschichte der Wissenschaft

1984  Kreuzigung im Wohnzimmer

Es braucht einiges, um erfahrene Gerichtsmediziner in Erstaunen zu setzen, doch das Bild, das im Januar 1984 auf Seite 9 des Canadian Society of Forensic Science Journal abgedruckt war, dürfte es geschafft haben. Der Leser blickte in ein dunkel getäfeltes Zimmer mit biederen Vorhängen, in dem ein junger Mann in Shorts an einem Kreuz hing. Am Oberarm trug er eine Manschette zur Blutdruckmessung, auf der Brust klebten Elektroden, deren Kabel zu einem Schreiber führten. Ein bärtiger älterer Mann in einem weißen Arztkittel stand daneben und horchte mit einem Stethoskop die Lunge des jungen Mannes ab.

Wenn man es nicht für undenkbar hielte, könnte man durchaus auf die Idee kommen, dass da einer im Wohnzimmer die Kreuzigung Jesu nachstellte – und genau das tat er. Der Titel des Fachbeitrags lautete »Tod durch Kreuzigung«.

Frederick Zugibe, Gerichtsmediziner von Rockland County nördlich von Manhatten, hat sich ein ungewöhnliches Fachgebiet ausgesucht. »Ich gelte weltweit als die Autorität in Sachen Kreuzigung«, sagte der heute 80-jährige Pathologe kürzlich dem Wissenschaftsmagazin Zeitwissen. Mit 20 Jahren las er zum ersten Mal einen Fachartikel über »Die physischen Leiden unseres Herrn«, seither hat er darüber seine eigenen Theorien aufgestellt. Und weil Theorien ohne harte Fakten nichts wert sind, ließ er sich von einem gewissen Pater Weyland vom Orden des Göttlichen Wortes ein 2,30 Meter hohes Kreuz zimmern, an das er bei sich zu Hause Hunderte von Versuchspersonen hängte.

Die meisten wissenschaftlichen Abhandlungen über die Kreuzigung seien von Leuten mit zwar redlichen Absichten, jedoch beschränktem medizinischem Wissen geschrieben worden, oder von Leuten, deren religiöses Feuer sie zu unhaltbaren Befunden getrieben habe, kann man in Zugibes Kreuzigungsstudie lesen. Er selbst ist zwar ebenfalls gut katholisch, aber eben auch Wissenschafter, und als solcher war ihm bald klar, dass die Theorien des anderen großen Kreuzigungsforschers, Pierre Barbet, Unsinn waren. Barbet glaubte mit seinen Experimenten in den 1930er-Jahren bewiesen zu haben, das Jesus am Kreuz erstickt sei, weil die hängende Position einen Atemstillstand verursacht habe (siehe Seite 74 ff.). Von seinen Freiwilligen, versichert Zugibe, habe keiner je nach Luft gerungen.

Wer übrigens glaubt, es sei schwierig, Freiwillige für Kreuzigungsexperimente zu finden, täuscht sich. Die ersten knapp 100 Versuchspersonen waren Angehörige einer lokalen religiösen Gemeinschaft. »Die hätten mich bezahlt dafür. Jeder wollte hoch, um zu sehen, wie es sich anfühlt«, sagte Zugibe der Journalistin Mary Roach, die in ihrem Buch über Leichen, Stiff, ein Kapitel den Kreuzigungen widmet.

Obwohl Zugibe antike Eisennägel aus einem römischen Lager in Schottland besitzt, nagelte er seine Versuchspersonen nicht ans Kreuz. Er hatte vielmehr Manschetten angefertigt, in denen die Hände mittels Bolzen am Querbalken fixiert werden konnten. Die Füße steckten in einem Gurt, der um den Längsbalken führte. Zwischen 5 und 45 Minuten hielten es die Versuchspersonen aus. Zugibe kontrollierte ihre Herztätigkeit, bestimmte den Sauerstoffgehalt im Körper, horchte die Lunge ab und nahm Blutproben. Die Leute klagten über Muskelschmerzen und Krämpfe, manche hatten Schweißausbrüche und bekamen Panik. Sie konnten das Experiment jederzeit abbrechen. Für den Notfall standen ein Defibrillator und ein Beatmungsgerät bereit. Gebraucht habe er sie nie, sagt Zugibe.

Nach den ausgedehnten Versuchen glaubt er die Todesursache von Jesus abschließend bestimmt zu haben: Er starb an Herz- und Atemstillstand, verursacht durch hohen Blutverlust und traumatischen Schock.

Quelle: "Das neue Buch der verrückten Experimente", S. 182