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Die etwas andere Geschichte der Wissenschaft

1970 Dr. Fox erzählt Unsinn

Der Vortrag, den Myron L. Fox vor den versammelten Experten hielt, trug den eindrucksvollen Titel »Die Anwendung der mathematischen Spieltheorie in der Ausbildung von Ärzten«. Die Verantwortlichen für das Weiterbildungsprogramm der University of Southern California School of Medicine hatten sich für ihre jährliche Konferenz nach Lake Tahoe im Norden Kaliforniens zurückgezogen. Dort hielt Fox, der als »Autorität auf dem Gebiet der Anwendung von Mathematik auf menschliches Verhalten« vorgestellt wurde, das erste Referat. Er beeindruckte die Zuhörer mit seinem gewandten Auftritt derart, dass keiner von ihnen merkte: Dieser Mann war nicht nur Myron L. Fox von der Albert Einstein School of Medicine, sondern auch der Radiomann Leo Gore aus »Batman«, der Anwalt Amos Fedders aus »Falcon Crest« und der Tierarzt Dr. Benson aus »Columbo«, der sich um den Hund des Inspektors kümmert. Myron L. Fox hieß in Wirklichkeit Michael Fox und war Schauspieler (nicht verwandt mit Michael J. Fox aus »Back to the Future«). Er hatte keine Ahnung von Spiel­theorie.

Alles, was Fox getan hatte, war, aus einem Fachartikel über Spieltheorie einen Vortrag zu entwickeln, der ausschließlich aus unklarem Gerede, erfundenen Wörtern und widersprüchlichen Feststellungen bestand, die er mit viel Humor und sinnlosen Verweisen auf andere Arbeiten vortrug. Hinter dieser Täuschung standen John E. Ware, Donald H. Naftulin und Frank A. Donnelly, die mit dieser ­Demonstration eine Diskussion über den Inhalt des Weiterbildungsprogramms initiieren wollten. Das Experiment sollte die Frage beantworten: Ist es möglich, eine Gruppe von Experten mit einer brillanten Vortragstechnik so hinters Licht zu führen, dass sie den inhaltlichen Nonsens nicht bemerken? John Ware übte stundenlang mit dem Schauspieler, bis jede Substanz aus dem Text verschwunden war. »Das Problem war, Fox davon abzuhalten, etwas Sinnvolles zu sagen.«

Fox war sich sicher, dass der Schwindel auffliegen würde. Doch das Publikum hing an seinen Lippen und begann nach dem einstündigen Vortrag, fleißig Fragen zu stellen, die er so virtuos nicht beantwortete, dass niemand es merkte. Auf dem Beurteilungsbogen gaben alle zehn Zuhörer an, der Vortrag habe sie zum Denken angeregt, neun fanden zudem, Fox habe das Material gut geordnet, inte­ressant vermittelt und ausreichend erklärende Beispiele eingebaut.

Ware und seine Kollegen zeigten zwei weiteren Gruppen eine Videoaufnahme des Vortrags – mit ähnlichem Resultat. Einer glaubte sogar, schon Fachartikel von Myron L. Fox gelesen zu haben. Das Publikum bestand auch hier nicht aus Studenten, sondern aus erfahrenen Pädagogen, die sich vom gekonnten Stil des Schauspielers blenden ließen.

Die Wissenschaftler machten weitere Experimente mit einer größeren Anzahl von Zuhörern. Die Tatsache, dass der Stil eines Vortrags über seinen dürftigen Inhalt hinwegtäuschen kann, hieß bald nur noch der »Dr.-Fox-Effekt«.

Die Resultate ließen Ware an der Aussagekraft von Unterrichtsevaluationen zweifeln. Wenn Studenten auf Fragebogen eine Lehrveranstaltung beurteilten, zeige sich darin möglicherweise nicht viel mehr als ihre Zufriedenheit und »ihre Illusion, etwas gelernt zu haben«. – »Unterrichten besteht aus viel mehr, als nur die Studenten glücklich zu machen«, schrieben die Autoren im Artikel über das Experiment.

Allerdings gab es eine Überraschung, die diesen Schluss relativiert: Nachdem die Zuhörer über die wahre Identität von Fox aufgeklärt worden waren, erkundigten sich einige von ihnen nach weiterführender Literatur. Der Vortrag – obwohl nichts sagend und als Betrug entlarvt – hatte durch seinen Stil offenbar das Interesse am Thema geweckt. Ware schlug darauf eine innovative Methode vor, die Motivation der Studenten zu steigern: Professoren könnten, anstatt selber Vorlesungen zu halten, Schauspieler dafür trainieren.

In der Los Angeles Times schrieb daraufhin ein Journalist: »Diese Untersuchung hat Implikationen, die selbst ihre Autoren nicht bemerkt haben. Wenn ein Schauspieler ein besserer Lehrer ist, warum nicht auch ein besserer Parlamentarier oder sogar ein besserer Präsident?« Sieben Jahre später wurde Ronald Reagan Präsident der Vereinigten Staaten.

Quelle: "Das Buch der verrückten Experimente", S. 209